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Folgendes Buch wurde rezensiert: offen hetero

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Rafe: „Bitte sag mir, dass mir meine Mutter kein Buch darüber gegeben hat, wie ich einem Kerl richtig einen blase. Aber natürlich hatte sie das.“
Claire Olivia: „Das ist doch großartig, Shay Shay. Vielleicht kannst du ihr eines Tages ja Bilder schicken!“
— Rafe über seine peinlich-tolerante Mutter



Immer im Mittelpunkt stehen, von seinem Vater buchstäblich auf Schritt und Tritt mit seiner Handykamera gefilmt wie ein Prominenter und alle sehen in ihm "den Schwulen", aber keiner einfach nur den Menschen, der er ist. Beim Duschen nach dem Sport ist es komisch, die Leute nehmen übersteigerte Rücksicht, wenn sie etwas sagen könnten, das diskriminierend aufgefasst werden könnte und sie gehen davon aus, dass Rafe Clichés erfüllt. Einfach so wie die anderen zu sein, ist für Rafe trotz der Offenheit und Akzeptanz in seiner Heimat Boulder also unmöglich.

Zunächst einmal hat der Roman eine starke Botschaft an LGBT*s: Toleranz und Akeptanz ist nicht genug, solange man als anders wahrgenommen wird. Wir wollen einfach nur gleichgestellt sein. Immer noch ist für viele das Coming-out notwendig — unter anderem weil durch Heteronormativität andere die sexuelle Orientierung immer noch raten und andere damit in eine Schublade stecken (siehe hierfür zum Beispiel "Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees").

Die Idee hinter diesem Plot ist zweifelsfrei gut, aber sie wird ab der Hälfte zu einem typischen x-beligigen LGBT*Coming-of-Age-Roman, der abgenutzte Themen wie "verliebt in den besten Freund" und "ist das love interest hetero?" abfrühstückt. Daran ist absolut nichts neues. Im Grunde genommen ist es für den Großteil der Handlung unwichtig, dass Rafe in Boulder bereits geoutet ist. Das nimmt dem Plot etwas von der Idee, anders herum wie andere LGBT*Romane zu funktionieren.

Rafe meint, man oute sich nur, um einen festen Freund zu finden. Das widerspricht seiner Metapher mit dem Eis. Als ihm Clay begegnet, erscheint das Ganze wie auf Schienen zu laufen und Rafe nimmt die Entwicklung hin, als wäre das so, weil man es eben macht und es nur logisch mit Clay zusammenzukommen. Wirkt an sich relativ unemotional, sondern eher sachlich, wenn auch nicht generell abgeneigt. Er meint, er werde weniger angesehen oder es wurde ihm weniger ausmachen, wenn er einen festen Freund habe. Diese beiden Dinge haben allerdings per se nicht wirklich etwas miteinander zu tun.

Ebenso gibt es Stellen im Roman, die, wenn man spitzfindig ist, diskriminierend sind, auch wenn man das von den in der Szene auftretenden Personen nicht erwarten würde:

Ist das nicht diskriminierend, da davon ausgegangen wird, dass Tunten etwas schlechtes sind und Schwule nicht, da ersteres als Beleidigung und letzteres als Richtigstellung (positiv) betrachtet wird?

Daraufhin sagt ihm sein Vater, um ihn aufzumuntern, wie toll er ist. Einem Sohn wie Rafe muss man doch nicht zum hundertsten Mal sagen, dass er toll so ist, wie er ist. Ich hätte an Stelle seines Vaters lieber gesagt, dass er bei sowas nicht die Beherrschung verlieren und sich auf eine Schlägerei einlassen soll.

Rafe bedankt sich bei seiner Mutter für das Coming-out-Essen, was vielleicht erst als coole Geste wirkt, die auch erzählerisch den Kreis schließt. Allerdings markiert dieses Essen auch den Anfang seiner Misere: Er beschreibt, dass seine Mutter sein äußeres Coming-out für ihn übernommen und ihm damit die Gelegenheit zu einem inneren Coming-out genommen habe. Hier also richtig den Kreis zu schließen gewesen, wäre seiner Mutter zu erklären, was damals schiefgelaufen ist. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern dass nicht nur Rafe — oder wir als Leser — aus der Sache etwas lernen kann.

Zunächst geht Rafe als vermeintlicher Hetero nicht zur GSA, aber beschließt es nach seinem zweiten Coming-out. Für Rafe ist diese 180-Grad-Wende wahrscheinlich sinnvoll, da er ja jetzt eigentlich erst wirklich sein inneres Coming-out erlebt: Sich in der GSA wohlfühlen und die Mitglieder als neue Freunde betrachten, mit dem Sport aufhören und seine Homosexualität als wichtigen Teil von sich betrachten. Das mag zwar für viele LGBT*s heutzutage noch eine wichtige Anlaufstelle zu sein, aber hiermit zeigt es, wie sehr Rafe in Clichés verfällt, von denen er sich zunächst distanziert hat. So relativiert der Autor hier die Message: "Du musst dich nicht schwul verhalten, um schwul zu sein".

Er sagt sich in Gedanken, er habe Carlton, einen Teilnehmer des GSA-Treffens, nicht verurteilt. Allerdings ist die Art und Weise, wie er über dessen feminines Äußeres nachdenkt, in gewisser Weise diskriminierend. Es zeigt das klassische Problem, dass feminine Schwule von anderen Schwulen nicht unbedingt immer akzeptiert werden und dass feminine Männer immer noch komisch angeschaut werden. Und das spricht natürlich die Angst an, neben der Homosexualität selbst noch auf irgendeine Weise feminin zu wirken und was andere dann über einen denken.

Aber eines wurde beim Gespräch in der GSA auch angesprochen, was meine Gedanken dazu widerspiegelt: Es ist eben auch nur eine von vielen Eigenschaften, auch wenn es nichts bringt, sie zu verleugnen. Wenn man noch am Anfang seines Coming-outs steht, sind Schwulengruppen hilfreich, aber ich finde es kritisch, sich abhängig davon zu machen. So etwas ähnliches hatte er in Boulder auch schon. Ebenfalls dort hatte er ja am Beispiel von Kennst-du-Caleb erwähnt, dass Schwule sich nicht automatisch untereinander mögen, nur weil sie beide schwul sind. Ich mag Sport und Sportler in der Form wie in Natick nicht besonders, aber ich fand, es passte auch zu einem Teil von Rafe. Dieser hätte nur den anderen nicht unterdrücken müssen und sie hätten nebeneinander existieren können. Er wendet hiermit einem anderen Teil seiner selbst den Rücken zu.

Der Schluss des Romans zeigt Rafe wieder in seiner Heimat Boulder, wie er die dortige Weltoffenheit genießt. Er akzeptiert hier also seinen goldenen Käfig, dem er versuchte, zu entkommen. Allerdings fand ich dieses letzte Kapitel schwach geschrieben, auch wenn ich die Symbolik dahinter an sich schon verstehe. Ich glaube, dass der Autor hier einen großen Fehler macht. Klar können und sollen sich Protagonisten auch mal irren, aber hiermit sagt der Autor, dass es so, wie es vorher war, okay war und relativiert damit die Kritik, die er am Anfang angeführt hat. Das Ende malt einen schönen Moment, der eigentlich keiner ist, weil Rafe seinen besten Freund vorerst verloren und aus der Situation nicht wirklich etwas gewonnen hat.

Fazit:
Trotz der Schwächen in der zweiten Hälfte des Buches, ist die Handlung unterhaltsam und zunächst gesellschaftskritisch geschrieben und wirft für den Leser immer wieder Fragen auf, die Anlass zur Selbstreflektion bieten. Das Wachsen der Freundschaft mit Ben und auch die Hintergrundgeschichte mit Bryce sind wirklich schön und emotional zu verfolgen und auch Rafes Tagebuch, versehen mit den Kommentaren des Lehrers geben dem Roman eine zusätzliche Dimension.



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