Folgendes Buch wurde rezensiert: Die Mitte der Welt

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"Die Mitte der Welt" ist ein mosaikartiger Coming-of-Age-Jugendroman, in dem es um den 17-jährigen Phil geht, der sich in Nicolas verliebt, der neu in seiner Klasse ist. Phil und seine Zwillingsschwester Dianne wurden von ihrer Mutter mithilfe von deren Freundin Tereza anders erzogen als die übrigen Kinder im Ort und ihre Mutter ist dort als sehr promisk bekannt, was ihren Kindern einen sehr schweren Stand einbringt. Phils Vater ("Nummer 3") ist irgendwo in Amerika und eine große Unbekannte in seinem Leben.

 

Charaktere

Gerade die Charaktere bieten gute und schlechte Beispiele: So ist Glass sehr gut gelungen. Von den Kleinen Leuten als Rabenmutter und von ihren Klientinnen als letzter Anker betrachtet, ist sie extrem nonkonformistisch und authentisch, aber eben gerade deshalb sehr liebenswert. Auch wenn Phil sie nicht mag, gibt ihm Pascal mit die hilfreichsten Ratschläge, da sie kein Blatt vor den Mund nimmt und nichts romantisiert. Zudem gibt es Charaktere, deren in-Erscheinung-treten fragwürdig und nicht essenziell ist. Es wirkt fast so, als standen plötzlich ein Haufen Charaktere vor der Tür des Autors und hatten eine Hauptrolle in einem Nebenplot gefordert, wozu sich der Autor schließlich hat breitschlagen lassen.

Plot

Flashbacks mögen gute ergänzende Plot Devices sein; übermäßig benutzt lähmen sie die Handlung und wirken wie großzügig verwendetes Füllmaterial. Gut die Hälfte der Szenen in Die Mitte der Welt sind Flashbacks und so entsteht häufig der Eindruck, es geschehe nichts. Der Roman weist zudem eine schiere Anzahl an Nebenhandlungen mit eigenen Klimaxen und Plottwists auf, die überfüllt wirken und der Leser den Überblick verliert. Manche Dinge passieren ganz nebenbei, ohne dass sie einen signifikanten Einfluss auf die weitere Handlung haben und ein Fehlen dieser Dinge überhaupt ins Gewicht fallen würde.

Thematiken

Glass hat ihre Kinder sehr locker (antiautoritär?) erzogen und Phil hat somit weder ein Problem mit Nacktheit noch mit seiner Homosexualität. Dennoch verdreht ihm die Liebe wie jedem anderen Teenager den Kopf. Mehr oder minder wird allerdings bereits beim ersten "Date" klar, dass es wesentlich komplexer ist als das. Eben gerade darin ist der Roman nicht gradlinig, aber er findet auch keine Lösungen. Er zeigt, dass Menschen, nur weil sie sich anziehend finden, nicht gleich dasselbe empfinden oder dasselbe vom anderen wollen. Gerade dieses Thema hätte großes Potenzial geboten und ist im Gegensatz zur sexuellen Orientierung, die der Autor ganz bewusst nicht in den Vordergrund stellen wollte, gerade in Jugendbüchern noch sehr tabuisiert. Viele Romane, die sich mit (der ersten) Liebe auseinandersetzen, behandeln das Thema geradezu märchenhaft, gewissermaßen konservativ im klassischen Beziehungsverständnis, das aber heutzutage in der Realität bereits immer mehr aufgebrochen wird. So gibt es auch hier nur die Möglichkeiten "wir sind beide bis über beide Ohren verliebt und werden immer zusammenbleiben" und "dann lassen wir es lieber gleich". Auch beleuchtet er nach und nach Diannes Abwege und zeigt, wie sie mit Glass und Phil um geht und diese mit ihr. Es werden Konflikte angedeutet, aber es geht vielmehr darum, sie häppchenweise zu verstehen als sie zu lösen.

Ende

Tatsächlich werden auch fast alle Fragen, die im Laufe der Geschichte aufkommen, beantwortet. Nur scheint es für den Autor schon fast ein Sport zu sein, ebenjene aufzuwerfen. Die Flashbacks bieten zusätzlich die Möglichkeit, Fragen aufzuwerfen, die Phil als Kind nicht vollständig versteht, geschweige denn, beantworten kann oder auch schlichtweg Details übersieht. Viele Fragen bedürfen aber um des Verlaufs der Handlung Willens keinerlei Beantwortung und es wirkt eher, als sei der Leser auf eine unfreiwillige Schnitzeljagd mit unendlichen Pflicht-Nebenquests geschickt worden. An sich mag ich offene Enden. Der Autor hebt selbst im Nachwort hervor, dass er die Qualität seines Buches darin sehe, dass man Phil am Ende auf seiner Reise weiter begleiten könne und da erst seine Selbstfindung beginne. Würde ich diese Meinung teilen, wäre das vielleicht tatsächlich ein Qualitätsmerkmal, doch ich bin der Meinung, dass nicht nur zwischen Phil und Nicolas alles gesagt ist, sondern auch zwischen Charakteren und Leser. Am Ende ist es mir relativ egal, ob er seinen Vater findet. Der Schwerpunkt "Vater" ist auch gefühlt falsch gewählt, da er viel naheliegendere Themen hat. Zwar schimmert die Vaterthematik immer wieder kurz durch, ist aber eigentlich mit Phils und Glass' Gespräch in der Bibliothek für mich abgeschlossen.

Nachwort und Fortsetzungen

Der Autor erzählt mit einer leichten Abgehobenheit – die aber wahrscheinlich den meisten Autoren unter uns, die stolz auf ihre Arbeit sind – im Nachwort über die Entwicklung des Stoffes, was mir wahrscheinlich gar nicht so auffallen würde, würde ich ihm zustimmen. Er bezeichnet "Die Mitte der Welt" als hunderte Seiten lange Einleitung. Durch das Nachwort sind mir seine Absichten bei solchen Kunstgriffen klarer geworden – sie gefallen mir nur nicht mehr. Die Idee mit der immerwährenden Einleitung und der Aufforderung an den Leser, das Buch über seine Grenzen hinauszudenken, mag eine gute Idee sein, aber sie funktioniert leider in meinen Augen nicht. Der Kunstgriff wirkt somit wie ein zu 20 % seiner ursprünglichen Länge verkürztes Sprungbrett, wo der beste Anlauf der Welt nicht genug Schwung liefern könnte, um damit die Kluft der ernüchternden Plots überspringen zu können. Ebenso beschreibt er, wie er sich an der griechischen Mythologie orientiert hat. Zugegeben, viele von Phils Kindheitserinnerungen haben etwas Sagenhaftes und diese Enthüllung war sicherlich ein kurzer aha-Moment, aber wirklich zur Handlung trägt diese Inspirationsquelle nicht bei, also ist sie eine reine Inspiration – mehr eben nicht. Seine Auffassung, dass Phil nervt, teile ich ein gutes Stück weit. Weniger aus Lesersicht als Charakter, denn Phil ist mir als Person sympathisch, aber als Figur aus Autorensicht. Er ist Zuschauer seines eigenen Lebens. Mit "Defender – Geschichten aus der Mitte der Welt" liefert der Autor eine Kurzgeschichtensammlung, die den Roman ergänzen soll. Ohne sie gelesen zu haben, habe ich das Gefühl, dass dem Autor das in seiner Erzählweise mehr liegt und auch dem Roman besser zu Gesicht gestanden hätte.

Fazit:
Der Roman erweckt bisweilen den Eindruck eines Potpourris aus einer Biografie (Phil hat den Drang, jedes Detail seiner Kindheit zu berichten), Novelle (Binnenhandlung) und vielen zusätzlichen Kurzgeschichten, die das Ganze zu einer sehr komprimierten Form einer Serie machen. Trotz einiger liebenswerter Charaktere, herrlich authentischen Szenen und kurzen Aufflackerns spannender Handlung kann der Roman nicht über die fehlende Positionierung der Textart hinwegtäuschen. Es gab immer wieder wtf-Momente, die mich überlegen lassen haben, das Buch nicht zu Ende zu lesen. Durch die Flashbacks wirkt der Roman überfrachtet, ohne sie und die Nebenplots allerdings wie viel heiße Luft.



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